Die
Kleine Gartenstraße Haus-Nr. 1 in
Brandenburg an der Havel
(auch in Erinnerung an
Gewesenes)
Wir wohnten anfangs
im nördlichen Teil der Bahnhofsvorstadt in
der damaligen Rudolf-Breitscheid-Straße 1 (siehe
unten in einer alten Aufnahme), bzw. wir wohnten im
Hinterhaus. Hier war meine Kinderstube! Diese
Gebäude entstanden in der Gründerzeit. Das Haus mit
der Nummer 1 wurde 1885 als letztes in diesem
Bereich auf der rechten Straßenseite gebaut. 1875
waren erst die Nummern 5 und 11 bebaut. Das blieb
bis 1881 so. Ab 1882 wurden dann weitere Häuser auf
den Grundstücken Nr. 4 und 10, im Jahre 1883 auf den
Grundstücken Nr. 7 und 8. 1884 folgten die
Grundstücke mit den Nummern 2, 3, 5, 6 und 9.
Auf dem Grundstück Nr. 1 betrieb mein Vater eine eigene
gutgehende
Tischlerei, die er nach dem Krieg nach der Rückkehr
aus russischer Gefangenschaft von seinem Vater
übernahm. Diese Tischlerei von Albert Wasserroth,
einem Urahn, wurde 1882 in der Großen Gartenstraße
26a erstmalig erwähnt. Sie zog 1883 in die Kleine
Gartenstraße 8, 1884 in die Kleine Gartenstraße 12
und dann 1885 in die Kleine Gartenstraße 1a
(Hinterhaus).
Im Vorderhaus wohnte meine Tante Ella Düngel, die Ehefrau vom ebenfalls unter dieser
Adresse firmierenden Malermeister Otto Düngel, dem
das Grundstück mit allen Immobilien gehörte und
welches sie nach seinem Tod erbte. Ebenfalls hier
existierte ursprünglich auch eine Bäckerei, die ich aber
nicht mehr kennenlernte. Sie war bereits
geschlossen. Die Backstube befand sich gleichwohl in
einem, nun nicht mehr genutzten und leer stehenden
Hinterhaus auf der anderen Hofseite. Beide
Hinterhäuser hatten über den Wirtschaftsräumen im 1.
Stock die Wohnung der Inhaber der Gewerbebetriebe. Zum
Grundstück gehörte im hinteren Teil, am Hof
anschließend, ein mehrere Hundert Quadratmeter
umfassender Garten des Grundstücksbesitzers.
Hier verbrachte ich die ersten
Jahre meiner Kindheit.

Kleine Gartenstraße 1 mit bereits
geschlossener "Brot & feine Kuchen Bäckerei"
Karl Neuendorf.
Auf gleichem Grundstück befand
sich auch die "Bau- u. Möbeltischlerei mit
Elektrischem Betrieb" von A. Wasserroth.
Der Zeitpunkt der Aufnahme ist leider
unbekannt, es müsste aber eine Aufnahme von
vor 1945 sein
.
Slg. H. M. Waßerroth
Karte nicht gelaufen
Verlag: unbekannt, Foto: unbekannt
Wenige Jahre nach der
"freiwilligen" Zwangseingliederung der Tischlerei
meines Vaters in die
1958 gegründete PGH (Produktionsgenossenschaft des
Handwerks) "Raumkunst" erfolgte deren Stilllegung.
Nahezu das gesamte Inventar wurde veräußert. Uns
hielt dann hier nichts mehr. Hinzu kam, dass das Gebäude
keine Wohnqualität bot und stark
renovierungsbedürftig war, eine Toilette bestand
beispielsweise nur als Plumpsklo in einer Art
Schuppen gegenüber auf dem Hof. Wie viele, suchten
wir eine bessere Wohnung, weg aus der
Bahnhofsvorstadt.
Die ersten Jahre meines
Lebens erlebte ich hauptsächlich auf dem großen
Grundstück mit dem großen Garten meiner Tante. Hier
boten sich viele interessante
"Abenteuerspielplätze", auch der noch vorhandene
Bretterschuppen der ehemaligen Tischlerei meines
Vaters war ein schöner Spielplatz, wo man viel
klettern konnte. Ich war nahezu immer unter
Aufsicht, dass mir auch nichts bei meinem Tatendrang
passierte. Die Straße bot ohnehin kaum geeignete
Betätigungsfelder für Kinder.

Im großen Garten des
Grundstücks mit seltenem Gast, links das
Hinterhaus mit der Tischlerei, Aufnahme:
1954
Foto: Familienalbum Waßerroth,
Brandenburg a. d. Havel

Blick aus dem
Wohnzimmerfenster über den Hof zum
Hinterhaus mit der Backstube, Aufnahme:
Februar
1955
Foto: Familienalbum Waßerroth,
Brandenburg a. d. Havel
Mit Beginn der
Schulzeit in der nahen Friedrich Eberhard von Rochow Oberschule wurde dann immer mehr
auch die
Straße zu meinem Revier.
Im Alter von gut 7 ½ Jahren
folgte der Umzug nach Brandenburg Nord.
Hier war dann alles ganz anders, das Neubaugebiet
bot viele neue Perspektiven.

Die Fassade macht hier, etwa
30 Jahre nach Kriegsende, ohne nennenswerte
Instandhaltung, abgesehen vom Ersetzen einiger
Fenster und Umbau des Bäckerladens in Wohnraum, noch
einen relativ intakten Eindruck, alle Gesimse waren
noch erhalten. Aufnahme
um 1975, © H. M. Waßerroth
 
Die Hofseite des Vorderhauses
zeigt, wie dringend eine Sanierung war, in Parterre
schwere Feuchtigkeitsschäden, großflächige
Putzschäden, die Fenster verschlissen, der Hof ein
einziges Chaos. Rechts daneben der heutige sanierte
Zustand.
Aufnahmen:
s/w - um 1975, © H. M. Waßerroth, Farbe - heute
© Scala Immobilien

Hier die
Hofseite, wo die einstige Backstube stand. Das Gebäude
schloss direkt an den Seitenflügel an, in dem sich
die Küchen der Wohnungen der hier rechten Seite vom
Aufgang befanden. Der ehemalige Dachanschluss an den
Wänden ist noch gut zu erkennen, der kleine neu
verputzte Anbau und der "Carport" wurden später
errichtet. Aufnahme
um 1975,
© H. M. Waßerroth

Hofseite und Hofgelände heute
© Scala Immobilien

Das einzeln stehende Hinterhaus,
in dem wir gewohnt hatten, vorn der Eingang zum
Treppenhaus in die erste Etage. dahinter der
ehemalige Eingang zur hier leer stehenden Werkstatt.
Die damalige Holztreppe ist weggerissen. Unsere
Wohnung in der 1. Etage ging über die gesamte
Gebäudefläche, darüber war ebenfalls in ganzer
Ausdehnung der Boden. Auch hier schwere
Feuchtigkeitsschäden. Rechts zwischen Vorder- und
Hinterhaus war früher der Bretterschuppen der
Tischlerei, die Garage ist späteren Datums. Aufnahme
um 1975, © H. M. Waßerroth
Nach dem Tod von Ella Düngel, sie
starb im Alter von 92 Jahren, wurde das Objekt von
den Erben veräußert. Bereits Jahre zuvor ist die
Verwaltung zwangsweise von dem VEB Gebäudewirtschaft
übernommen worden, weil meine Tante altersbedingt
dazu nicht mehr in der Lage war. Die Wohnung Düngel
war in der 1. Etage, hier (unteres Foto) von rechts die ersten 3
Fenster auf der Straßenseite für 2 große Zimmer,
hatte Küche, Bad und ein kleines Zimmer zur
Hofseite. Alles gruppierte sich um einen langen
Flur. Nach dem Krieg und dem Tod von Otto Düngel
wurde diese große Wohnung geteilt, eine
Einraumwohnung entstand dadurch zusätzlich mit einem
großen Zimmer zur Straße und über den Flur im
ehemaligen Bad eine Küche. Bestehende
Verbindungstüren sind verschossen worden.
Die Toiletten waren wie damals üblich eine
halbe Treppe tiefer und nach außen angebaut.
Dadurch froren im Winter die meist aus Blei
bestehenden Wasserleitungen in diesem Bereich
besonders häufig ein.

Das teilsanierte Haus 2012,
hier noch in Gesellschaft weiterer
sanierungsbedürftiger Häuser wie das daneben stehende
Haus in der Kirchhofstraße. So sah es noch lange
aus.
Der links zu sehende
Parkplatz gehört zum hier schon über Jahrzehnte
ansässigen Autohaus Gentz. Früher stand hier mal ein
Eckhaus (Kirchhofstraße 32) und weiter Nr. 33 und 34, die im Krieg zerstört wurden, danach war
hier zu DDR-Zeiten eine Brache. Aufnahme
27.10.2012,
© H. M. Waßerroth

Bei genauerem Hinsehen
offenbart sich: äußerlich immer noch
weit weg vom einstigen Glanz der Fassade,
die Gesimse und weitere Schmuckelemente mittlerweile schwer
geschädigt, sogar die Einschüsse vom
Krieg waren noch immer vorhanden, selbst die Halterung der
alten Gaslaterne gab es noch!
Aufnahme
27.10.2012, © H. M. Waßerroth
Um eine Bewertung des unsanierten
Altbaubestandes vorzunehmen, beauftragte die Stadt
2011 eine "Detailuntersuchung zur Aktivierung von
Gründerzeitquartieren in der Stadt Brandenburg an
der Havel". Auf Grund dieser Detailuntersuchung
beauftragte die Stadt die
Erstellung einer Altbaustrategie zu Möglichkeiten
der Finanzierung von Sanierungsmaßnahmen. In der
Folge kam diese Förderung u.a. für das Objekt Kleine
Gartenstraße 1 zur Anwendung. Das Altbaumanagement
wurde aus dem Programmteil 'Aufwertung' des Programms
'Stadtumbau Ost' unterstützt. Die Kleine
Gartenstraße war bereits Ende der 1990er Jahre mit
Fördermitteln aus dem Programm 'Urban I'
instandgesetzt worden.

Zur BUGA 2015 schmuck
restauriert erstrahlte das Gebäude in neuem Glanz.
Allerdings sind viele Schmuckelemente der Fassade
wohl aus Kostengründen nicht instand gesetzt und
entfernt worden. Aufnahme
05.05.2015, © H. M. Waßerroth

Der ehemalige große Garten,
später total verwildert, wurde komplett umgestaltet
und ist heute eine Wohlfühloase für die Mieter,
vom Eingang zum Hinterhaus aus gesehen. Aufnahme: © Scala Immobilien
aus verschiedenen Quellen zusammengefasst,
bearbeitet und ergänzt von H. M. Waßerroth
CC BY-NC-ND 3.0 de
Vers. 1.2.0. vom 02.07.2023
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