Die Kleine Gartenstraße Haus-Nr. 1 in Brandenburg an der Havel

(auch in Erinnerung an Gewesenes)

 

Wir wohnten anfangs im nördlichen Teil der Bahnhofsvorstadt in der damaligen Rudolf-Breitscheid-Straße 1 (siehe unten in einer alten Aufnahme), bzw. wir wohnten im Hinterhaus. Hier war meine Kinderstube! Diese Gebäude entstanden in der Gründerzeit. Im gleichen Haus betrieb mein Vater eine eigene gutgehende Tischlerei, die er nach dem Krieg nach der Rückkehr aus russischer Gefangenschaft von seinem Vater übernahm. Im Vorderhaus wohnte meine Tante Ella Düngel, die Ehefrau vom ebenfalls unter dieser Adresse firmierenden Malermeister Otto Düngel, dem das Grundstück mit allen Immobilien gehörte und welches sie nach seinem Tod erbte. Ebenfalls hier existierte ursprünglich eine Bäckerei, die ich aber nicht mehr kennenlernte. Sie war bereits geschlossen. Die Backstube befand sich gleichwohl in einem, nun nicht mehr genutzten und leer stehenden Hinterhaus auf der anderen Hofseite. Beide Hinterhäuser hatten über den Wirtschaftsräumen im 1. Stock die Wohnung der Inhaber der Gewerbebetriebe. Zum Grundstück gehörte im hinteren Teil, am Hof anschließend, ein mehrere Hundert Quadratmeter umfassender Garten des Grundstücksbesitzers.

Hier verbrachte ich die ersten Jahre meiner Kindheit.

    

Kleine Gartenstraße 1 mit bereits geschlossener "Brot & feine Kuchen Bäckerei" Karl Neuendorf.

Auf gleichem Grundstück befand sich auch die "Bau- u. Möbeltischlerei mit Elektrischem Betrieb" von A. Wasserroth.
Der Zeitpunkt der Aufnahme ist leider unbekannt, es müsste aber eine Aufnahme von vor 1945 sein
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 Slg. H. M. Waßerroth

Karte nicht gelaufen

Verlag: unbekannt, Foto: unbekannt

     

Wenige Jahre nach der "freiwilligen" Zwangseingliederung der Tischlerei meines Vaters in die 1958 gegründete PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) "Raumkunst" erfolgte deren Stilllegung. Nahezu das gesamte Inventar wurde veräußert. Uns hielt dann hier nichts mehr. Hinzu kam, dass das Gebäude stark renovierungsbedürftig war und keine Wohnqualität bot, eine Toilette bestand beispielsweise nur als Plumpsklo in einer Art Schuppen gegenüber auf dem Hof. Wie viele, suchten wir eine bessere Wohnung, weg aus der Bahnhofsvorstadt.

Die ersten Jahre meines Lebens erlebte ich hauptsächlich auf dem großen Grundstück mit dem großen Garten meiner Tante. Hier boten sich viele interessante "Abenteuerspielplätze", auch der noch vorhandene Bretterschuppen der ehemaligen Tischlerei meines Vaters war ein schöner Spielplatz, wo man viel klettern konnte. Ich war nahezu immer unter Aufsicht, dass mir auch nichts bei meinem Tatendrang passierte. Die Straße bot ohnehin kaum geeignete Betätigungsfelder für Kinder. Mit Beginn der Schulzeit in der nahen Friedrich Eberhard von Rochow Oberschule wurde dann auch immer mehr die Straße zu meinem Revier.

Im Alter von gut 7 ½ Jahren folgte der Umzug nach Brandenburg Nord. Hier war dann alles ganz anders, das Neubaugebiet bot viele neue Perspektiven.

 

Die Fassade macht hier, etwa 30 Jahre nach Kriegsende, ohne nennenswerte Instandhaltung, abgesehen vom Ersetzen einiger Fenster und Umbau des Bäckerladens in Wohnraum, noch einen relativ intakten Eindruck, alle Gesimse waren noch erhalten. Aufnahme um 1975, © H. M. Waßerroth

      

Die Hofseite des Vorderhauses zeigt, wie dringend eine Sanierung war, in Parterre schwere Feuchtigkeitsschäden, großflächige Putzschäden, die Fenster verschlissen, der Hof ein einziges Chaos. Rechts daneben der heutige sanierte Zustand.

Aufnahmen: s/w - um 1975, © H. M. Waßerroth,  Farbe - heute © Scala Immobilien

    

Hier die Hofseite, wo die einstige Backstube stand. Das Gebäude schloss direkt an den Seitenflügel an, in dem sich die Küchen der Wohnungen der hier rechten Seite vom Aufgang befanden. Der ehemalige Dachanschluss an den Wänden ist noch gut zu erkennen, der kleine neu verputzte Anbau und der "Carport" wurden später errichtet. Aufnahme um 1975,

© H. M. Waßerroth

   

Hofseite und Hofgelände heute © Scala Immobilien

 

Das einzeln stehende Hinterhaus, in dem wir gewohnt hatten, vorn der Eingang zum Treppenhaus in die erste Etage. dahinter der ehemalige Eingang zur hier leer stehenden Werkstatt. Die damalige Holztreppe ist weggerissen. Unsere Wohnung in der 1. Etage ging über die gesamte Gebäudefläche, darüber war ebenfalls in ganzer Ausdehnung der Boden. Auch hier schwere Feuchtigkeitsschäden. Rechts zwischen Vorder- und Hinterhaus war früher der Bretterschuppen der Tischlerei, die Garage ist späteren Datums. Aufnahme um 1975, © H. M. Waßerroth

     

Nach dem Tod von Ella Düngel, sie starb im Alter von 92 Jahren, wurde das Objekt von den Erben veräußert. Bereits Jahre zuvor ist die Verwaltung zwangsweise von dem VEB Gebäudewirtschaft übernommen worden, weil meine Tante altersbedingt dazu nicht mehr in der Lage war. Die Wohnung Düngel war in der 1. Etage, hier (unteres Foto) von rechts die ersten 3 Fenster auf der Straßenseite für 2 große Zimmer, hatte Küche, Bad und ein kleines Zimmer zur Hofseite. Alles gruppierte sich um einen langen Flur. Nach dem Krieg und dem Tod von Otto Düngel wurde diese große Wohnung geteilt, eine Einraumwohnung entstand dadurch zusätzlich mit einem großen Zimmer zur Straße und über den Flur im ehemaligen Bad eine Küche. Bestehende Verbindungstüren sind verschossen worden.

Die Toiletten waren wie damals üblich eine halbe Treppe tiefer und nach außen angebaut. Dadurch froren im Winter die meist aus Blei bestehenden Wasserleitungen in diesem Bereich besonders häufig ein.

    

Das teilsanierte Haus 2012, hier noch in Gesellschaft weiterer sanierungsbedürftiger Häuser wie das daneben stehende Haus in der Kirchhofstraße. So sah es noch lange aus.

Der links zu sehende Parkplatz gehört zum hier schon über Jahrzehnte ansässigen Autohaus Gentz. Früher stand hier mal ein Eckhaus, das im Krieg zerstört wurde, danach war hier zu DDR-Zeiten eine Brache. Aufnahme 27.10.2012,

© H. M. Waßerroth

         

Bei genauerem Hinsehen offenbart sich: äußerlich immer noch weit weg vom einstigen Glanz der Fassade, die Gesimse und weitere Schmuckelemente mittlerweile schwer geschädigt, sogar die Einschüsse vom Krieg waren noch immer vorhanden, selbst die Halterung der alten Gaslaterne gab es noch! Aufnahme 27.10.2012, © H. M. Waßerroth

 

Um eine Bewertung des unsanierten Altbaubestandes vorzunehmen, beauftragte die Stadt 2011 eine "Detailuntersuchung zur Aktivierung von Gründerzeitquartieren in der Stadt Brandenburg an der Havel". Auf Grund dieser Detailuntersuchung beauftragte die Stadt die Erstellung einer Altbaustrategie zu Möglichkeiten der Finanzierung von Sanierungsmaßnahmen. In der Folge kam diese Förderung u.a. für das Objekt Kleine Gartenstraße 1 zur Anwendung. Das Altbaumanagement wurde aus dem Programmteil 'Aufwertung' des Programms 'Stadtumbau Ost' unterstützt. Die Kleine Gartenstraße war bereits Ende der 1990er Jahre mit Fördermitteln aus dem Programm 'Urban I' instandgesetzt worden.

     

Zur BUGA 2015 schmuck restauriert erstrahlte das Gebäude in neuem Glanz. Allerdings sind viele Schmuckelemente der Fassade wohl aus Kostengründen nicht instand gesetzt und entfernt worden. Aufnahme 05.05.2015, © H. M. Waßerroth

   

Der ehemalige große Garten, später total verwildert, wurde komplett umgestaltet und ist heute eine Wohlfühloase für die Mieter, vom Eingang zum Hinterhaus aus gesehen. Aufnahme: © Scala Immobilien

         

     

aus verschiedenen Quellenzusammengefasst,

bearbeitet und ergänzt von H. M. Waßerroth

CC BY-NC-ND 3.0 de

Vers. 1.0.1. vom 07.07.2017

© Harumi Michelle Waßerroth