Stahl aus Brandenburg an der Havel

Das Stahlwerk am Silokanal, über viele Jahre ein gewohnter Anblick, Slg. H. M. Waßerroth

Quelle: Industriemuseum Brandenburg, Foto: unbekannt

       

Die Stadt Brandenburg an der Havel hat sich seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem über die Region hinaus bedeutenden Industriestandort entwickelt. Den Beginn prägte die Tuchfabrikation, die sogar so erfolgreich war, dass die Brandenburger Tuche 1853 auf der Pariser Weltausstellung preisgekrönt wurden.

Nach dem Rückgang der Tuchfabrikation leitete der Aufbau einer Eisengießerei den industriellen Strukturwandel zur Metallverarbeitung ein. Zum größten Unternehmen entwickelten sich die Brennabor-Werke, die Kinderwagen, Fahrräder, Motorräder und Automobile produzierten.

Im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde Brandenburg an der Havel zum Stahlstandort. Der Industrielle Rudolf Weber (*12.06.1856 in Schneppenkaufen, heute Weidenheim, †04.01.1932 in Bonn), seiner Zeit Besitzer der Philipp Weber GmbH, die in Dortmund und Hostenbach Stahlwerke hatte, suchte 1912 nahe Berlin ein geeignetes Grundstück zum Bau eines neuen Stahlwerkes, in dem der im nahe gelegenen Industrieraum Berlin anfallende Schrott angeliefert und verarbeitet werden konnte. Die rund um den Standort angesiedelte Industrie gewährleistete eine hohe Nachfrage nach Stahlprodukten. Außerdem rechnete er sich dabei einen bedeutenden Preisvorteil gegenüber seinen Konkurrenten im Rheinland und in Westfalen aus.

Fündig wurde er in Brandenburg an dem Ende 1910 eröffneten Silokanal. Hier war auch Eisenbahnanschluss und ein Binnenhafen vorhanden. 1912 erwarb Rudolf Weber ein 800.000 m2 großes Gelände am Silokanal und begann mit dem Aufbau.

Mit dem Aufbau 1913/14 war das Weberwerk eines der ersten Stahl- und Walzwerke in Mitteldeutschland. Gründer Rudolf Weber legte somit den Grundstein für die heute bereits schon über ein Jahrhundert währende Stahlherstellung und -verarbeitung in Brandenburg an der Havel.

Das Werk war von Anfang an als Stahl- und Walzwerk geplant. Weber ging hierbei von seinen Erfahrungen in Hostenbach aus. Es wurden zwei Siemens-Martin-Öfen mit je 40 t Fassungsvermögen gebaut. Die Öfen wurden mit Generatorgas beheizt. Die Stahlwerkhalle maß 60 x 40 m und das anschließende Walzwerk 200 x 60 m. Daneben entstand ein kleines zweigeschossiges Verwaltungsgebäude mit 15 x 11 m. Hier arbeitete bis 1919 die gesamte kaufmännische und technische Leitung. In einem kleinen Anbau saß der Werkspförtner.

Am 17. Mai 1914 floss der erste Stahl in Brandenburg. Eine gute Woche später wurde das Blechwalzwerk in Betrieb genommen.

     

Das neu errichtete Stahlwerk am Silokanal, Slg. H. M. Waßerroth

 Quelle: Brandenburger Elektrostahlwerke GmbH, Foto: unbekannt

     

Beim Aufbau und Beginn der Produktion erwies sich für Rudolf Weber und seinem engsten Mitarbeiter, Ludwig Grüter, das Fehlen von erfahrenen Arbeitern als ein großes Problem. Brandenburg hatte sich Anfang des Jahrhunderts zwar schon zu einem Industriestandort mit zahlreichen metallverarbeitenden Betrieben entwickelt, Schmelzer und Walzwerker gab es jedoch noch nicht. Daraufhin holte sich Weber aus seiner saarländischen Heimat erfahrene Arbeiter und Angestellte mit ihren Familien nach Brandenburg an der Havel.

Mit seinen zwei Hochöfen produzierte das "Weberwerk" 30.000 t Rohstahl im Jahr. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wirkte sich auf die allgemeine Industrie- und Wirtschaftsentwicklung des Brandenburger Stahl- und Walzwerk trotz Aufnahme der Produktion von Kriegsmaterial eher dämpfend aus. Es wurden Granathülsen und Geschossteile gefertigt. Die Rohstoffbeschaffung erwies sich als größtes Problem. Im Jahr 1917 führte der Mangel an Kohle fast zum Stillstand der Produktion. Im Herbst wurde dem Werk vom Reichskohlekommissar die Lieferung von Kohle dann generell gesperrt. Rudolf Weber war gezwungen, das Werk zu verkaufen.

Einer der größten damaligen Montankonzerne die „Deutsch-Luxemburgische Bergwerk- und Hütten - Aktiengesellschaft zu Bochum“ kaufte den Betrieb 1917 und konnte die Produktion fortführen, da der Hauptaktionär Hugo Stinnes nicht von der staatlichen Zwangsregulierung betroffen war. Er verfügte über eigene Kohlereviere. Die neue Firmierung „Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-AG Abteilung Weber“ wurde aber erst 1919 eingeführt.

Nach dem Krieg erfolgten Werkserweiterungen. Im Jahr 1919 wurde der 3. Siemens-Martin-Ofen und 1923 der 4. Siemens-Martin-Ofen mit einem Fassungsvermögen von 40 t gebaut. Die Jahresproduktion stieg auf 96.400 t Rohstahl. Hinzu kam ein zweites Walzwerk. Zu Beginn der 1920er Jahre waren 1.350 Mitarbeiter im Weberwerk beschäftigt.

1924 erprobte man im Brandenburger Werk das Schrott-Kohle-Verfahren (auch als reines Schrottverfahren oder als Schrott-Kohlungs-Verfahren bezeichnet) und führte es dann auch ein. Besonderen Anteil hatten hierbei Otto Weber – ein Sohn des Gründers – und Josef Sittard. Die technologischen Grundlagen erarbeitete Rudolf Hennecke in seiner Promotionsschrift. Bei der Einführung des Schrott-Kohle-Verfahrens kam es darauf an, teures Stahleisen (manganhaltiges Roheisen) als Einsatzstoff einzusparen.

Die Geschicke des Weberwerkes lag in den Händen der Brüder Hennecke, Neffen von Rudolf Weber. Sie hatten bis 1945 die Betriebsleitung inne. Dr. Rudolf Hennecke (*27.07.1890 in Altenhundem, Westf., †27.08.1985 in Bonn) war von 1917 bis 1945 technischer Direktor des Stahl- und Walzwerkes Brandenburg. Sein Bruder Arthur Hennecke (*19.11.1888 in Altenhundem, Westf., †13.05.1959 in Düsseldorf) war kaufmännischer Direktor. Zwei Söhne von Rudolf Weber arbeiteten ebenfalls im Werk.

   

Foto: unbekannt

Die Werksanlagen der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft, Abteilung Weber, Brandenburg (Havel) in den 1920er Jahren von Nordwest gesehen, Slg. H. M. Waßerroth
   

Foto: unbekannt

Stahlabstich im Werk der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft, Abteilung Weber, Brandenburg (Havel) in den 1920er Jahren, Slg. H. M. Waßerroth
   

Foto: unbekannt

Walzwerker beim Blechwalzen der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft, Abteilung Weber, Brandenburg (Havel) in den 1920er Jahren, Slg. H. M. Waßerroth
   

Foto: unbekannt

Halle des Blechwalzwerkes der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft, Abteilung Weber, Brandenburg (Havel) in den 1920er Jahren, Slg. H. M. Waßerroth

     

1920 übernahm das Walzwerk die Kleinhaussiedlung Wilhelmshof an der Magdeburger Landstraße. Die Siedlung umfasste 230 Wohnungen und hatte etwa 1.000 Bewohner. Es waren 1 ½ bis 3 Zimmerwohnungen. Der Mietpreis lag für Werksangehörige zwischen 21 und 37 Mark. Die Wohnungen besaßen eine Toilette und ein kleines Bad. Am Anfang der 1930er Jahre wurde im Auftrag der Werksleitung die Wohnsiedlung Wilhelmshof ausgebaut. Von der Norddeutschen Siedlungs-Gesellschaft und der Plauer-See Heimstätten GmbH entstanden 1.600 Wohnungen sowie zahlreiche Eigenheime. Die noch heute gebräuchliche Bezeichnung „Walzwerksiedlung“ stammt aus diesen Jahren.

   

Aufnahmen der Siedlung Wilhelmshof an der Magdeburger Landstraße auf einer 1929 gelaufenen Ansichtskarte,

Slg. H. M. Waßerroth

Verlag: unbekannt, Foto: unbekannt

       

An der Magdeburger Landstraße entstand in den Jahren 1925/26 die repräsentative Hauptverwaltung mit Nebengebäuden. Das gesamte Ensemble mit Casino wurde von dem Architekten Wilhelm Rave entworfen.

Der Großindustrieelle Friedrich Flick erwarb 1926 den Betrieb und gründete die Mitteldeutsche Stahlwerke AG. Das Weberwerk wurde dazu aus der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-AG ausgegliedert und von der Mitteldeutschen Stahlwerke AG als Stahl- und Walzwerk Weber übernommen. Das Werk gehörte nun gemeinsam mit den Betrieben in Gröditz, Lauchhammer, Burghammer, Witthenau, später auch Hennigsdorf zu der neu gegründeten Mitteldeutschen Stahlwerke AG.

Es folgten weitere Erweiterungen der Produktionsanlagen. 1930 ist das Fassungsvermögen der vier Siemens-Martin-Öfen auf 60 t erhöht worden. Die Rohstahlproduktion stieg 1934 auf 245.000 t.

     

Das Mitteldeutsche Stahlwerk aus Richtung Magdeburger Landstraße auf einer gelaufenen Postkarte um 1935 gesehen,

Slg. H. M. Waßerroth

Verlag: unbekannt, Foto: unbekannt

   

Das Stahlwerk vom Silokanal gesehen, Slg. H. M. Waßerroth

Verlag: unbekannt, Foto: unbekannt

  

Im August 1936 erteilte das Oberkommando des Heeres der Firma Mitteldeutsche Stahlwerke AG in Brandenburg/Havel als Bautreuhänder die Aufträge zum Bau des Quenz-Werkes und P-Werkes. Diese Werke waren Eigentum der Verwertungs-Gesellschaft für Montanindustrie und wurden von der Brandenburger Eisenwerke GmbH betrieben. Daraufhin gründete sich 1937 die neue Betriebsform „Mitteldeutsche Stahl- und Walzwerke Friedrich Flick Kommanditgesellschaft“. Dazu gehörten die Betriebe in Brandenburg und Hennigsdorf. Nach der Fusion mit dem Flick-Unternehmen expandierte das Unternehmen erheblich, unterstützt durch die Aufrüstungspolitik Deutschlands und die stärkere Nachfrage nach Rüstungsgütern.

1938 ist der Rundbau als Verwaltungs- und Sozialgebäude errichtet und eingeweiht worden. Mit der neu angelegten Allee war der Rundbau der neue repräsentative Werkseingang.

1939 feierte das Weberwerk sein 25 jähriges Betriebsjubiläum. Neben den offiziellen Festlichkeiten gab es auch eine Festschrift und eine Gedenkplakette, die in Lauchhammer gegossen wurde.

     

 

Gedenkplakette von 1939

   

Bis 1940 erfolgte eine weitere enorme Erweiterung der Produktionsanlagen auf 4 Siemens-Martin-Öfen mit je 100 t Fassungsvermögen, 3 Siemens-Martin-Öfen mit je 150 t Fassungsvermögen und 4 Elektroöfen mit einem Fassungsvermögen von je 50 t. 1939 ging das neue Walzwerk III für die Fertigung von Panzerblechen in Betrieb. 1939/40 folgte der Bau des P-Werkes - Panzerwerkes - und des Quenz-Werkes entlang der Magdeburger Landstraße. Das Quenzwerk war für die Fertigung von Panzergehäusen vorgesehen und das P-Werk zunächst für die Fertigung von Panzerkuppeln aus Gussstahl. Später ist das P-Werk mit für die Panzerfertigung genutzt worden. Die Panzer waren ohne Antrieb und Innenausstattung. Die Endfertigung erfolgte in Spandau, einem zur F. Flick KG gehörendem Stahlbetrieb. Zum Ende des Krieges wurde die Produktion von Panzerwagen des Typs Panther auf 500 Stück je Monat gesteigert.

    

Kartenausschnitt eines Messtischblattes von Brandenburg an der Havel der Hauptvermessungsabteilung IV von 1940,

Slg. H. M. Waßerroth

       

Ab Ende 1942 gehörte eine Halle des Reichsbahn-Ausbesserungswerkes in Kirchmöser als eine weitere Panzerfertigungsstätte zum Unternehmen. Im Eigentum der montaneigenen Werke standen zur Unterbringung von etwa 7.000 Menschen auch drei Barackenlager.

Während des Zweiten Weltkrieges stieg die Rüstungsproduktion massiv an. Kriegsgefangene aus dem Quenzlager wurden im Werk zur Arbeit eingesetzt. 1944 sind 720.000 t Rohstahl produziert worden.

Die Produktion in den Werken lief bis April 1945. Im Gegensatz zum Opelwerk und der Arado-Flugzeugwerke wurde das Stahlwerk nicht von Bomben zerstört. Erst während der letzten großen Angriffe auf die Stadt Brandenburg kam es zum Stillstand der Produktion. Das Brandenburger Stahl- und Walzwerk erlitt auch bei diesen Angriffen keine größeren Schäden. Die meisten leitenden Angestellten verließen im April/Mai den Betrieb und die Stadt Brandenburg in Richtung Westen. Ihre Familien und Angehörigen waren schon voraus geschickt worden.

Nach der Besetzung der Stadt Brandenburg durch die russische Armee übernahm der russische Militärkommandant Oberst Wolkow den Oberbefehl über die Stadt. Zur Ausführung der Befehle und Anordnungen wurde eine neue Verwaltung eingesetzt. Dem Neuaufbau und der Wiederaufnahme der Produktion in den Betrieben standen aber sehr bald die Befehle der Besatzungsmacht zur Demontage der Rüstungsbetriebe entgegen. Nach den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz zur Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen legte die jeweilige Besatzungsmacht individuell die Höhe der Reparationsansprüche fest. Das Stahl- und Walzwerk wurde enteignet und dem Brandenburger Magistrat in Treuhandschaft übergeben.

In den Verwaltungsgebäuden des Stahlwerkes waren sowjetische Militäreinheiten untergebracht. Das Casino wurde Lazarett. Unter Leitung der sowjetischen Militärkommandantur mit der Demontage der Werksanlagen begonnen worden. Für die Bereitstellung der Arbeitskräfte war das Arbeitsamt zuständig. Da die männlichen Arbeitskräfte nicht ausreichten, mussten auch viele Frauen schwerste körperliche Arbeit übernehmen. Die Anlagen, Maschinen und Geräte wurden demontiert und für den Transport in die Sowjetunion akribisch nummeriert und verpackt.

Der Abbau der Produktionsanlagen erfolgte mit so genannten Demontagekolonnen unter Aufsicht der russischen Militärkommandantur. Sämtliche Werksanlagen des Stahlwerkes mit seinen 7 Siemens-Martin-Öfen, 4 Elektroöfen, Walzwerken I, II und III, dem Panzerwerk, dem Quenzwerk, sämtliche Gleisanlagen mit Loks und Wagen, die Mechanische Werkstatt, Walzendreherei, Magazin, Labor, der Schrottplatz mit Schrottpresse und Kräne und die Gießerei sind komplett demontiert worden. Nach dem Leerräumen haben die Russen dann die Produktionsgebäude und -anlagen gesprengt. Das was übrig blieb hätten Bomben nicht viel schlimmer übrig gelassen.

   

Das ist das, was nach der Demontage und den Sprengungen 1946/47 für unsre russischen "Freunde" vom einstigen Stahlwerk übriggeblieben war, zur Orientierung: am linken Bildrand am Horizont die Städtebahnbrücke als einzige erhaltene der 6 Brücken über den Silokanal, in Bildmitte ganz hinten die Reste des Opelwerkes mit dem Schornstein des Kraftwerkes, Slg. H. M. Waßerroth

Foto: unbekannt

   

Auf dem II. Parteitag der SED 1947 wurden Beschlüsse zum Neuaufbau der Wirtschaft und Verwaltung, wie der Neuaufbau der Schwerindustrie gefasst. Im Mai 1949 startete dann die Stadt Brandenburg und die Kreisleitung der SED Aktivitäten und Bemühungen für den Neuaufbau eines Stahl- und Walzwerkes in der Stadt Brandenburg/Havel auf dem Gelände der ehemaligen Mitteldeutschen Stahl- und Walzwerke Friedrich Flick KG.

Anfang Juli 1949 begannen Enttrümmerungsarbeiten auf dem ehemaligen Werksgelände. Die Landesregierung stellte zusätzliche Mittel zur Verfügung. Im Dezember wurden bereits über 500 Frauen und Männer eingesetzt.

Am 15. September 1949 erfolgte die Inbetriebnahme einer Feinstahlstraße und am 13. Oktober die erste Walzung an einer Grobblechstraße im VEB Walzwerk "Willy Becker" Kirchmöser in der Halle der ehemaligen Lokreparaturwerkstatt des Reichsbahnausbesserungswerkes. 1957 ist dieser Betrieb dem Stahl- und Walzwerk Brandenburg angegliedert worden.

Nach der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik wurde noch 1949 beschlossen, das Brandenburger Werk wieder aufzubauen. Bereits im November 1949 begannen die Planungsarbeiten für den Neubau des Stahl- und Walzwerkes. Die Leitung übernahm Dipl.-Ing. Friedrich Franz.

Im Dezember 1949 erfolgten erste Reparaturarbeiten an Rundbau, Schmiede und Labor. Vor dem Rundbau wurden einige Küchen- und Wirtschaftsbaracken und mehrere Wohnbaracken errichtet. Das Zentrale Konstruktionsbüro erarbeitete acht Projektvorlagen mit Grundrisszeichnungen, wobei zunächst eingehend geprüft wurde, ob die alte Lage der Werksanlagen rechtwinklig zum Kanal unter Nutzung der verbliebenen Fundamente und Kamine beibehalten werden kann. Das Ergebnis der Untersuchungen ergab aber, dass der Neubau der Stahlwerkshalle und damit in Verbindung die Schornsteine und die Generatoren parallel zum Silokanal erfolgen sollten.

     

Werksaufbau, Aufnahme vom 17.01.1958

Quelle: Bundesarchiv, Foto: Krueger

      

Der Wiederaufbau des Stahl- und Walzwerkes Brandenburg ist untrennbar mit dem persönlichen Engagement und Können von Dipl.-Ing. Friedrich Franz verbunden. Die Stahlwerker nannten ihn liebevoll „Unser Papa Franz“. Friedrich Franz wurde am 25.08.1889 in Olbernhau/Erzgeb. geboren. Nach seinem Studium an der Bergakademie in Freiberg sammelte er umfangreiche Erfahrungen als Ingenieur in mehreren Stahlwerken, in denen er tätig war. Ab November 1947 hatte er die Leitung der Planungs- und Wiederaufbauarbeiten für das Stahl- und Walzwerk in Brandenburg inne und wurde 1950 Technischer Direktor des Werkes. 1956 beendete er seine Tätigkeit im Stahlwerk. Am 15.10.1969 verstarb Friedrich Franz in Brandenburg.

Der volkseigene Betrieb Stahl- und Walzwerk Brandenburg entwickelte sich mit insgesamt zwölf Siemens-Martin-Öfen zum führenden Stahlhersteller der DDR. 1974 wurden über 2.000.000 t Rohstahl geschmolzen.

Im Jahre 1969 wurde die stahlproduzierende Wirtschaft in verschiedene Kombinate aufgeteilt. Durch Gemeinsamkeiten der Industriestruktur wurden miteinander verflochtene Unternehmen einem Leitbetrieb, dem sogenannten Stammbetrieb, unterstellt. Das Unternehmen in Brandenburg war Mitglied des VEB Qualitäts- und Edelstahl-Kombinates und wurde 1979 Stammbetrieb dieses Kombinates.

  

Am Ofen V in der Ofenhalle, Aufnahme vom 13.07.1962

Quelle: Bundesarchiv, Foto: Stöhr

     

Arbeit der Schmelzer am Ofen V, Aufnahme vom 13.07.1962

Quelle: Bundesarchiv, Foto: Stöhr

    

Die Gießgrube in der Gießhalle, Aufnahme vom 10.09.1959

Quelle: Bundesarchiv, Foto: Zühlsdorf, Erich

      

Der Stahl wird in Kokillen gegossen, Aufnahme vom 21.03.1959

Quelle: Bundesarchiv, Foto: Sturm, Horst

   

In der Walzenstraße, Aufnahme vom 22.08.1961

Quelle: Bundesarchiv, Foto: Kohls, Ulrich

     

In allen volkseigenen Betrieben war die Organisation der Produktion und die Struktur des Betriebes ähnlich. So gehörten außer den Hauptproduktionslinien auch alle Hilfs- und Nebenbereiche zum Werk. Die Produktion gliederte sich in Brandenburg in die Bereiche Siemens-Martin-Stahlwerk, Walzwerk, Elektrostahlwerk, kontinuierliche Drahtstraße, Walzwerk Kirchmöser und Konsumgüterproduktion. Der Anordnung der Partei- und Staatsführung der DDR zur Konsumgüterproduktion wurde im Stahlwerk Brandenburg mit der Herstellung von Holzspielzeug begonnen. Weitere Erzeugnisse waren PKW-Anhänger, PKW-Bootsanhänger und Boulevardmöbel.

Die Beschäftigtenzahlen als damals größter Arbeitgeber in Brandenburg an der Havel stiegen in der ersten Hälfte der 1980er Jahre auf über 10.000 Beschäftigte insgesamt.

Zum Stahl- und Walzwerk Brandenburg gehörten auch eine immer mehr wachsende Anzahl von Werkswohnungen. 1954 wurde die erste Arbeiterwohnungsbaugesellschaft gegründet. Am Neuendorfer Sand begann der Bau der ersten Reihenhäuser. In den Folgejahren konnten den Stahl- und Walzwerkern und ihren Familien die begehrten Neubauwohnungen übergeben werden. 1985 hatte der Betrieb 1726 Wohnungen.

  

Wohnungsbau im Am Neuendorfer Sand, dahinter die Häuser am Hessenweg, Aufnahme vom 12.11.1954

Quelle: Bundesarchiv, Foto: Quaschinsky, Hans-Günter

     

Im Jahre 1977 begannen Arbeiten für die Errichtung eines neuen Stahlwerkes mit zwei 125t-Elektroöfen, zwei 8-adrigen Stranggussanlagen und einer Produktionsleistung von 600.000 t/Jahr. Der Anlagenhersteller Danieli bat die Riva-Gruppe, das Projekt mit ihrem Know-how zu unterstützen. Somit wurde der Name Riva erstmals in Brandenburg bekannt und geschätzt. Das Werk nahm im April 1980 die Produktion auf, 1981 folgte die kontinuierliche Drahtstraße. 1986 ist das Elektrostahlwerk umfangreich modernisiert worden und erhielt 1989 einen Pfannenofen.

Nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 löste man die Kombinate auf. Das Brandenburger Werk wurde am 01.05.1990 von der Treuhandanstalt (der Privatisierungsbehörde für die staatseigenen Betriebe der Deutschen Demokratischen Republik) in eine Aktiengesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt.

Im März 1992 lagerte die Treuhandanstalt die veralteten Anlagen aus und verkaufte das Elektrostahlwerk und die kontinuierliche Drahtstraße an die Brandenburger Elektrostahlwerke GmbH, das Unternehmen, das die Riva-Gruppe eigens für die Übernahme gegründet hatte. Unter der Riva-Geschäftsleitung ist ein umfangreiches Modernisierungsprogramm in Höhe von 140 Millionen € in die Wege geleitet worden, um Qualität, Organisation und Umweltschutz zu verbessern. Außerdem wurde zur Erweiterung der Produktionslinie in der Weiterverarbeitung ein vollständig neuer Bereich zur Herstellung von elektrogeschweißten Betonstahlmatten gebaut.

   

Das Elektrostahlwerk der Riva Gruppe

Quelle: Riva Gruppe, Foto: unbekannt

     

Im alten Siemens-Martin-Werk gingen dann nacheinander die Öfen aus. Der letzte Abstich fand am 13.12.1993 am Ofen X statt, die letzte Walzung am 15.12.1993 auf der 1120er Brammenstraße, sie war die größte und leistungsstärkste Walzenstraße der DDR, und am 19.12.1993 auf der 850er Formstahlstraße. Die Anlagen wurden zurückgebaut, Gebäude abgerissen. Nach der Stilllegung des Stahl- und Walzwerkes zum 31. Dezember 1993 begann eine umfangreiche Projektentwicklung für die Umstrukturierung des über 800.000 m² großen Geländes zu einem modernen Industrie- und Gewerbepark. Die Gebäude der Hauptverwaltung, zwei Nebengebäude der Hauptverwaltung, das Klubhaus, der Rundbau und die Gebäude der Produktionsleitung wurden unter Denkmalschutz gestellt. Weithin sichtbares Zeichen der Umgestaltung war der Wegfall der markanten Schornsteinsilhouette am Silokanal. Erhalten blieb der Ofen XII und diverse Ausrüstungsgegenstände als Exponate für das neu gegründete Industriemuseum in einem Teil der einstigen Stahlwerkshalle.

Seit dem 1. April 1992 besteht das Industriemuseum Brandenburg an der Havel mit dem letzten Siemens-Martin-Ofen Westeuropas, dem einstigen Ofen XII, als Technisches Denkmal.

Ein Besuch des Museums wird wärmstens empfohlen!

Kontakt: Industriemuseum Bandenburg an der Havel

   

Das Industriemuseum in der ehemaligen Ofenhalle

Quelle: Industriemuseum Brandenburg, Foto: unbekannt

  

Im Industriemuseum u.a. der Siemens-Martin-Ofen, der letzte komplett erhaltene Siemens-Martin-Ofen in Westeuropa.

Quelle: Industriemuseum Brandenburg, Foto: unbekannt

   

     

aus "Ein Jahrhundert Stahl aus Brandenburg" des Industriemuseums Brandenburg an der Havel

und verschiedenen weiteren Quellen,

zusammengestellt und bearbeitet von H. M. Waßerroth

 

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Vers. 1.0.3. vom 15.10.2017

© Harumi Michelle Waßerroth